Perfektionistin

„Sitzen meine Haare gut? Mist, heute ist wohl ein Bad Hair Day. Na gut, die hat man schon mal. Aber war gestern nicht auch schon einer? Hm. Und diese Hose. Sehe ich darin nicht aus wie Onkel Bobby, bevor er 30kg verloren hat? 

Aber in der anderen fühle ich mich nicht wohl. Was soll´s, ich bin spät dran, muss dann demnächst shoppen gehen. Mit meiner Figur finde ich sicher eh nichts passendes, aber immer dieselben drei Hosen tragen geht ja auch nicht.

Ich hab´s. Ich werde heute in der Mittagspause nur einen Salat essen. Das Treten mit Steffi in der Eisdiele sage ich besser ab. Die hätte sich eh nur gefragt, wie ich mit meinem Gewicht überhaupt noch Eis essen gehen kann. 

Ist das da etwa ein Pickel? Ich dachte, mit 25 ist man langsam aus der Pubertät raus? Ich muss weniger Süßes essen. Nach dem Kinder Pingui gestern kann ich eigentlich nix anderes erwarten. Bin selbst Schuld. 

Los geht´s. Oh nein, es regnet! Gleich hat sich meine Frisur aufgelöst und ich sehe den Rest des Tages scheiße aus…“

So, so ähnlich oder noch viel schlimmer machen wir uns täglich fertig. Und das schon kurz nach dem Aufstehen beim Blick in den Spiegel, beim anschließenden Fertigmachen. Und wenn wir halbwegs Frieden mit uns selbst schließen konnten (zumindest soweit, dass wir das Haus verlassen haben), dann passiert es: 

Eine Frau steigt vor uns in den Zug. Sie hat eine lange Wallemähne (wie können die Haare bei der Länge so gesund sein und so glänzen!), feste schlanke Beine und einen Teint, als käme sie geradewegs von den Malediven. Vielleicht tut sie das ja sogar.

Und schon geht es los: Wir fühlen uns noch unzulänglicher als vorher schon. Fragen uns, wann denn endlich unsere Zeit kommt zu strahlen. Und zu glänzen. Fühlen uns fehl am Platz. Als gäbe es gar keinen richtigen für uns. 

Außer zuhause. Auf der Couch. Nur mit den Herren Ben and Jerry´s.

Dabei gibt es überhaupt keinen Grund für diese Gefühle. Wir denken, wir strahlen mit unseren vermeintlichen Unzulänglichkeiten so hell wie der Vollmond an einem klaren Nachthimmel. Dabei sehen wir gar nicht, was hinter uns abläuft, während wir der Person nachgaffen, die ach so viel schöner ist als wir:

Ein junges Mädchen, total unzufrieden mit sich. Die sich nichts sehnlicher wünscht, als so auszusehen, wie wir in diesem Moment. In dem Moment, in dem wir selber uns so unzulänglich fühlen. An diesem Tag zu hässlich, um aus dem Haus zu gehen.

Dabei ist Perfektionismus viel mehr als eine nervige Eigenschaft. Über die man hinwegsehen und lachen kann wie über einen schlechten Scherz, den man nach wenigen Minuten vergessen hat. 

Perfektionismus schadet uns. Er vergiftet unsere Seele, langsam. Wie eine Flasche Frostschutzmittel, von dem man jeder Mahlzeit 10ml untermischt. Langsam, aber unaufhaltsam zerstört er uns. 

Manchmal merken wir jedoch gar nicht, dass eine Perfektionistin in uns schlummert. Oder nicht schlummert, sondern unbewusst sogar den Ton angibt, nach dem unsere Musik des Lebens spielt. 

Darum sind hier…

10 Anzeichen dafür, dass du eine Perfektionistin bist

  1. Bei einer Niederlage bist du hart und unerbittlich zu dir.
  2. Du bist nie zufrieden mit deiner Leistung.
  3. Mal abzuschalten fällt dir schwer; du bist immer am grübeln, was du noch besser machen kannst.
  4. Du akzeptierst deine liebenswerten Makel nicht als deine persönliche Note und wundervolle Einzigartigkeit, sondern empfindest sie als störend. Du überlegst, wie du sie ausmerzen kannst.
  5. Kein Fitness- oder Modetrend geht an dir vorüber. Du fühlst dich abgeschnitten, wenn du nicht die neueste Lederhose und 158 weiße, schulterfreie Oberteile von NA-KD Fashion trägst.
  6. Du hast oft Angst, einen Fehler gemacht zu haben und denkst, es gäbe stets die „eine“ richtige Entscheidung.
  7. Du kommst nie richtig zur Ruhe, bist rastlos.
  8. Du fühlst dich in deiner eigenen Gesellschaft unwohl und würdest am liebsten 24/7 andere Menschen um dich herum haben.
  9. Die Angst, dass du die Kontrolle verlierst und dein scheinbar perfektes Leben auseinanderbricht, umtreibt dich.
  10. Du stehst ständig unter Hochspannung  und fühlst dich zugleich ausgebrannt und leer.

Wenn du dich in mehrerer dieser Aussagen wiedererkennst, ist es nicht die schlechteste Idee, dir ein paar der folgenden Gedanken in den Geist zu prügeln.

Perfektionismus bringt nichts! Diese 5 Punkte sagen dir, warum:

  1. Perfektionismus ist eine Illusion. 
  2. Kein Mensch auf dieser Erde ist perfekt.
  3. Es wird immer jemanden geben, der schöner, klüger, gebildeter, reicher und schlanker ist als du.
  4. Perfektionisten gehören zu der Kategorie Menschen, die am ehesten zu Depressionen neigen. 
  5. Ein perfektionistischer Gedanke am Tag fordert dich zu einer Challenge heraus, die du nicht gewinnen kannst. Niemand kann sie gewinnen. Du vergeudest nur Lebenszeit damit, es zu versuchen.

Sobald du diese Aussagen angenommen und fest in deinem Gedächtnis verankert hast, habe ich hier ein paar Gedanken für dich, durch die du deine perfektionistischen Glaubenssätze ersetzen kannst. Am besten ausdrucken oder deine eigenen aufschreiben. Täglich lesen, morgens und abends. Unser Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert werden will. Wirkt Wunder.

10 Glaubenssätze, die dich wirklich weiterbringen

  1. Ich gebe immer 100% und versuche mein Bestes im Leben zu geben. Wenn ich mal scheitere, dann ist das so. Das Leben geht weiter. Niemand ist perfekt.
  2. Mein Wohlbefinden ist nicht von der Meinung anderer abhängig. Ich bin eine unabhängige, dynamische Frau. Das macht mich unheimlich authentisch und attraktiv. Dadurch wirke ich unverwechselbar.
  3. Ich lebe nach meinem eigenen Rhythmus und höre auf meine Bedürfnisse. So lerne ich mich immer besser und besser kennen. Dadurch gelangen meine Wunsch-Vorstellung der Realität  und die tatsächliche Realität immer mehr in Einklang.
  4. Andere Menschen lieben meistens genau das an mir, was ich mich so sehr bemühe zu zerstören. Ich akzeptiere und liebe mich wie ich bin, während ich meine Persönlichkeit weiter entwickle.
  5. Ich finde heraus, was ich liebe und mache ganz viel davon.
  6. Ich lasse alles los, was mich runterzieht. Nur so kann ich eines Tages fliegen.
  7. Jede Zelle meines Körpers ist gesund und glücklich. 
  8. Fehler sind Erfahrungen, aus denen ich lerne. Sie sind außerdem die Möglichkeit, etwas Besseres, Wundervolles zu erschaffen / erleben.
  9. Ich bin für mein eigenes Leben verantwortlich. Ich schreibe ein Buch über meine Geschichte. Was in dem Buch steht, liegt ganz an mir.

Und der beste Glaubenssatz:

10. Nicht alle können Prinzessinnen sein. Einige müssen klatschen, wenn eine Prinzessin vorbeiläuft.

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Wie sind deine Erfahrungen mit Perfektionismus? Hast du noch weitere Tipps, wie man Perfektionismus hinter sich lässt?

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